Das Klimaproblem – Eine wissenschaftsnahe Stellungnahme – Dr. Roman Bauer

 

                       

                                               Von Dr. Roman Bauer

 

Der Klimawandel ist ein hoch kontroverses politisches Thema in der öffentlichen Diskussion, das an Schärfe eher noch zu- als abnehmen dürfte. Jedoch vor jeder politisch-juristischen Festlegung ist es auch und zuerst ein Fall für die wissenschaftliche Analyse, denn es geht hier um Sachfragen und kausale Zusammenhänge.

 

Als Klima bezeichnen wir den meßbaren thermischen Zustand eines Systemkomplexes, der aus den drei Subsystemen besteht: der Erde, dem Atmosphärengürtel um die Erde, und der Sonne mit ihrer Einstrahlung. Dabei kommt neben der Strahlung der Sonne gerade auch der Atmosphäre eine besondere Rolle für die Konstanz und Schwankung der Temperatur auf der Erdoberfläche zu. Sie ist nämlich ein empfindliches dynamisches System, das einer doppelten Wirkung ausgesetzt ist: der direkten Einstrahlung von der Sonne und der Wärmerückstrahlung von der Erdoberfläche. Sie ist eine Schutzhülle und ein Filter oder Sieb in beide Richtungen.

 

Für die wissenschaftliche Analyse ist dieser klimatische Komplex so etwas wie ein typisch ‚chaotisches System‘, weil es über sogenannte nichtlineare Wechselwirkungen der verschiedenen Ursachenfaktoren durch Vorwärts- und Rückwärtskopplungen gesteuert wird. Denn außer der Strahlungsintensität der Sonne, die selbst schon schwankt (z. B. Sonnenfleckenflecken), wird es beeinflußt von der Schwankung des Winkels der Erdachse gegen ihre Umlaufebene, von Vulkanausbrüchen, von Richtungsänderungen kalter und warmer Meeresströme, vom prozentualen Anteil des Kohlendioxyds und Methans in der Luft, von Feinstaub und anderem mehr. Und weil die meisten dieser Faktoren für uns unkalkulierbar und unmanipulierbar sind, ist auch das ganze System über längere Zeiten hinweg nicht oder nur grob angenähert berechenbar. Es gilt deshalb als praktisch indeterminiert. Denn es existieren in ihm für einzelne Meßgrößen – Parameter – kritische Grenzwerte, bei deren Erreichung das ganze System überraschend in unverständliche, eben chaotische Zustände umschlagen kann, es ‚spinnt‘. Maßlos übertrieben, aber als Vergleich hilfreich, wird dieses Klimasystem oft beschrieben durch das Gleichnis von dem Schmetterling in Japan, dessen Flügelschläge in Amerika einen Tornado auslösen können.

 

Damit sind wir beim Kohlendioxyd – CO2, dem Stein des politischen Anstoßes, denn es ist die Komponente unter den klimawirksamen Faktoren, auf den die Menschheit mit ihrem Konsumverhalten den größten Einfluß hat. Und wenn uns die Wissenschaft sagt, dass CO2 und Methan klimawirksame Gase in der Luft sind, weil sie die von der Erde ins Weltall wieder zurückgestrahlten langwelligen Wärmeanteile der Sonne absorbieren und damit die Atmosphäre aufwärmen (Treibhauseffekt), so müssen wir diese Auskunft einfach ernst nehmen und akzeptieren. Es gibt keine verläßlichere Auskunftinstanz über solche empirische Zusammenhänge als die Wissenschaft.

 

Jedoch und kaum verwunderlich: Die Wissenschaft ist selbst nicht sicher und unter sich auch noch uneins darüber, wie stark der CO2 Anteil an der faktischen Erderwärmung ist, und außerdem welchen Anteil die anthropogen erzeugte Menge, also unser Beitrag, daran hat. Wie immer in solchen Lagen versucht sie, das Problem über Modellrechnungen in den Griff zu bekommen. Im einfachsten Fall unterstellt sie die Annahme, dass alle anderen Faktoren etwa konstant bleiben und nur einer, der CO2-Wert, sich verändert. Sie rechnet und variiert diesen Parameter dann linear systematisch durch (doppelte CO2-Konzentration = doppelte Wirkung) und kommt damit zu recht exakten Ergebnissen z.B. nach bekanntem Muster: Wenn die durchschnittliche Temperatur auf der Erdoberfläche bis 2100 nicht mehr als 1,5 Grad C ansteigen soll, dürfen wir nicht mehr als soundsoviel Tonnen CO2 bis dahin in Atmosphäre entlassen. Da jedoch die Rahmenbedingungen dieses Modells höchst unsicher sind, gilt diese Unsicherheit auch für das Ergebnis und die Prognose selbst. Stellt aber die Wissenschaft statt dessen eine Multifaktorenanalyse an, was realistischer ist, und variiert sie möglichst viele  Parameterkombinationen durch nach dem ‚wenn-dann‘ Schema, dann erhält sie so viele Lösungen, dass sie nicht mehr weiß, welche auf die Realität nun wirklich zutrifft. So oder so, es darf und muß bezweifelt werden, dass man die Erdtemperatur und die Klimaentwicklung auf Jahrzehnte hinaus punktgenau vorhersagen kann. Selbst der umstrittene Weltklimarat IPCC (International Panel on Climate Change) muß eingestehen, dass eine verläßliche langfristige Klimaprognose im Schärfebereich von plus/minus 1 Grad C nicht möglich ist, obwohl er gegenüber der Politik wohl aus Opportunismus das Gegenteil erklärt.

 

Und dennoch: Auch wenn die genauere Quantifizierung solcher Luftkomponenten und ihre Wirkung auf das Klima umstritten bleibt und uns ihre Konzentration vernachlässigbar gering erscheint – eine vorwissenschaftlich naive Täuschung – (CO2: 0,034 Vol%), so ändert dies an den hier geltenden physikalischen Gesetzen nichts, und die Sache ist deshalb ernst zu nehmen. Denn sie besitzt für eine Menschheit von 8 bis 10 Milliarden gegenüber der vorindustriellen Zeit eine qualitativ neue Dimension. Jeder, der sich in der Meßtechnik auskennt, weiß, dass auch der schonendste Meßvorgang den zu messenden Zustand stört und verändert. Es gibt keine absoluten, von unserer Beobachtung unabhängigen Meßergebnisse.  So ähnlich und noch viel stärker beeinflußt aber eine 8-Milliardenmenschheit mit ihrem Konsum und ihren Ausscheidungen ihre Lebenumswelt. Allein schon mit ihrer Abwärme und ihrer Atemluft verändert sie diese, und irgendwann kommen die natürlichen Regulationsmechanismen an ihre Grenzen und versagen.

 

‚Aber den Klimawandel hat es schon immer gegeben und sogar sehr extrem‘ – so wenden einige ein. Ja und aber: Auch dieser Einwand klingt etwas zu liberal und leichtsinnig. Denn falls wir am neuzeitlichen Klimawandel selbst mitbeteiligt sind, kommt jetzt auch noch der ethisch-moralische Aspekt zum Tragen. Wir können nicht mehr alles auf das Schicksal oder auf den lieben Gott abschieben. Es macht schließlich einen großen Unterschied, ob durch Klimawandel einige Saurierarten aussterben, ob nordafrikanische Graslandschaften zu Wüsten werden, ob eine polare Grünlandinsel zum eisbedeckten Grönland wird, oder aber ob durch mitverschuldete Erderwärmung 8 Milliarden Menschen sich auf einer immer kleineren Fläche zusammendrängen, in der noch Vorräte an Wasser, erträglicher Luft und fruchtbarem Boden vorhanden sind – mit allen sozial-psychologischen Konsequenzen. Wenn viel auf dem Spiel steht, sind auch geringere Wahrscheinlichkeiten ernst zu nehmen – so sagt es ein ethischer Grundsatz.

 

Und damit sind wir endlich von der Theorie bei der Praxis, und das heißt, bei der Politik gelandet, denn das Klima- und Umweltproblem beschert uns zähe Ziel- und Interessenskonflikte. Unsere Abfälle, unsere Abwärme und der CO2-Ausstoß sind unlösbar an unseren Bedarf an fossiler Energie gekoppelt, und an diesem wieder hängt unser Konsum und Wohlstand, unsere Mobilität und Freizeitindustrie, und all das hängt letztlich von unseren Arbeitsplätzen ab, durch die wir uns dies alles erst leisten können, und von dem wir vieles nichtmehr missen wollen und können. Ob wir aber unseren Wohlstand mit nichtfossiler Energie ganz erhalten können, dies ist eine ebenso kontroverse Streitfrage. Und außerhalb Europas warten noch viel mehr Menschen, die ähnlich leben wollen wie wir. Zur Erinnerung: Auch wer ganz einfach leben will, muß Umweltkosten bezahlen, wer gut leben will, muß mehr, und wer sehr gut leben will muß sehr viel bezahlen. In der Summe führt an diesem Naturgesetz kein Weg vorbei. Aber wieviel ist notwendig für ein freies menschenwürdiges Leben und wo beginnt die sinnlose Vergeudung? Die Politik wird hier vor harte Güterabwägung und Prioritätensetzung gestellt, und jede Partei setzt hierbei andere Akzente. Im Unterschied zu früheren Generationen kommen wir wohl nicht mehr um die politische Gretchenfrage herum: Wie viele Menschen auf welchem Konsumniveau kann das System Erde aushalten? Wenn sich die Politik dieser Frage nicht stellt, werden die Naturgesetze sie stellen und ihre Beantwortung eventuell mit Katastrophen erzwingen, wenn es zu spät ist. Die ‚Würde des Menschen‘ erweist sich dann schnell als leeres idealistisches Geschwätz. Und schließlich steht auch noch die Frage im Raum: Sind in einer liberalen pluralistischen Gruppengesellschaft langfristige Zielvorgaben auf Kosten kurzfristiger Konsummaximierung auf demokratischem Weg überhaupt noch stabil erreichbar?

 

Hier nun muß auch die AfD als Mitspielerin in der politischen Arena Farbe bekennen und ihre unverwechselbare Handschrift hinterlassen – ein schwieriger Spagat! Einige allgemeinere Gedanken und Anregungen für die Erstellung von Rahmenrichtlinien seien jedoch erlaubt. Das Klima- und Umweltthema wird neben dem Migrationsdruck auf absehbare Zeit vorrangig auf der politischen Agenda bleiben, und die AfD sollte deshalb sein Potential für parteipolitische Profilierung nicht unterschätzen. Und weil die ‚Grünen‘ bei diesem Thema als Spielmacher gelten, sollte die AfD nicht einfach reflexhaft die Antithese zu deren astreiner  Ökoposition beziehen und alles verharmlosen. Sie sollte stattdessen das Migrationsproblem mit dem Umweltthema verkoppeln nach dem Argumentationsmuster: Wer Klima und Umwelt schonen will, kann nicht einfach über die Geburtenraten in Afrika schweigen und die unkontrollierte Migration dulden oder gar begrüßen. Das eine verträgt sich schlecht mit dem anderen, denn wer solches tut, verhält sich kontraproduktiv, er ist unseriös und wenig glaubwürdig. Außerdem heizt die Massenmigration die Industrialisierung in den Zielländern noch an, anstatt solche in den Herkunftsländern maßvoll zu entwickeln .

 

Ansonsten sollte man einige Vorsichtsregeln und Warnschilder beachten: Nicht mit Verschwörungstheorien sympathisieren (von Journalisten und Lobbygruppen angeblich inszeniert). Sich von keiner Sündenbockthese (das Auto ist an allem schuld) stur in die Gegenrichtung treiben lassen. Keine antiwissenschaftliche Stimmung pflegen, denn solches wäre für eine kleine elitäre Volkspartei fatal. Auch nicht alles unbekümmert und sorglos dem Liberalismus überlassen (der Markt richtet alles von selbst). – Denn wenn sich die AfD auch noch offen und nicht nur verschämt – wie z. B. die CDU – eine denkende konservative Partei nennt, dann weiß sie, dass sich viele Probleme der Maßlosigkeit verdanken, und dass deshalb die Vermeidung solcher Probleme in der Wahl und Anwendung des rechten Maßes liegt. Dann aber sollte die AfD auch dadurch Mut und Konsequenz zeigen, dass sie als erste politische Gruppe eine flexible Obergrenze für die Bevölkerungs- und Konsumdichte fordert, lokal für Einzelstaaten ebenso wie global für den ganzen Erdkreis – also für urbi et orbi.

 

Fazit: Jeder, der im Namen der AfD zu diesem Thema Stellung nimmt, sollte sich der vielschichtigen Komplexität dieser Thematik bewußt sein, falls nicht, sollte man besser schweigen!